Der Mudi (Hunde-Revue)

Neben Puli und Pumi existiert noch eine dritte, ebenfalls mittelgroße, relativ unbekannte, ungarische Treib- und Hütehundrasse, der Mudi. Seine Geschichte lässt sich nicht allzu weit zurück verfolgen. Sie verschmilzt mit der von Puli und Pumi. Mit Sicherheit waren bis ins 19. Jahrhundert hinein die Unterschiede zwischen den ungarischen Hüte- (und auch Hirten-) hunden nicht so markant wie heute, und man verkreuzte vielfach die verschiedenen Typen untereinander, wie es teilweise auch jetzt noch in Ungarn geschieht. Vor allem wurden die Rassebezeichnungen nicht einheitlich gehandhabt. Der Mudi wurde sehr oft als Pumi oder Puli bezeichnet bzw. sämtliche kleinen ungarischen Hütehunde, egal ob steh- oder kipp- oder hängeohrig, oft generell Puli genannt – egal, ob es sich nach heutiger Auffassung um Pulis, Pumis oder Mudis handelte. Deshalb ist es nahezu unmöglich, festzustellen, wann genau die einzelnen Schläge sich als eigene Rassen entwickelten.

Ursprünge
Man vermutet jedoch, dass der Mudi im 18. bis 19. Jahrhundert entstanden ist, da in einem ungarischen Werk von 1815 bereits ein stehohriger kleiner Hütehund mit dem Kopf eines Schakals beschrieben wird und abgebildet ist, der zwar dort Pumi genannt wird, vom Exterieur aber eindeutig einem Mudi ähnelt. Eine Theorie besagt, der Mudi sei aus der Vermischung von ungarischen Treib- und Hütehunden mit verschiedenen stehohrigen deutschstämmigen kleinen Schäferhunden vom Typ des sog. Schäferspitzes oder Pommern-Spitzes entstanden. Mit Sicherheit ist der Mudi eng verwandt mit dem ihm äußerlich stark ähnelnden, etwas größeren und hochbeinigeren Kroatischen Schäferhund (Hvratski Ovcar).

Zu Beginn der Sporthundezucht in Ungarn, circa um 1900 herum, stellte man jedenfalls fest, dass neben hängeohrigem Puli und kippohrigem Pumi noch ein dritter, stehohriger, Hütehundschlag existierte. Nachdem jahrzehntelang ein großes Wirrwarr hinsichtlich der Benennung der verschiedenen Hüte- und Hirtenhundvarietäten geherrscht hatte, war man mit Entwicklung der Kynologie bestrebt, endlich Ordnung in die Nomenklatur der ungarischen Hirtenhunde zu bringen. Dezsö Fenyes, ein Museumsdirektor aus Balassagyarmat, war es, der als erster den Mudi beschrieben, ihm zu seinem Namen verholfen und seine Zucht organisiert hat. (1936)

Verbreitung
Die meisten Mudis leben im Mutterland Ungarn. Dort ist das Zuchtgebiet zwar sehr groß, aber die meisten Hunde werden als reine Gebrauchshunde ohne Papiere gezüchtet. Deswegen ist ihre Gesamtpopulation schwer abzuschätzen. Relativ wenige Sportzüchter befassen sich bisher mit dieser noch sehr urwüchsigen Rasse. Mudis mit Ahnentafeln dürfte es in Ungarn derzeit 200-300 geben, das Zuchtbuch ist immer noch offen; d.h. es werden noch Mudis von Hirten ohne Papiere in das Zucht-Register aufgenommen, um die Zuchtbasis zu verbreitern. Seit Beginn der geordneten Zucht 1936 also in 67 Jahren sind insgesamt ca. 2250 Hunde ins Ungarische Zuchtbuch eingetragen worden. Der Rassestandard des Mudi wurde 1966 von der FCI anerkannt.

Viele Kleinbauern in Ungarn nennen einen Mudi oder Mudi-Mischling ihr eigen. Er wird von ihnen als „Mädchen für alles“ eingesetzt. Morgens treibt er die paar Schweine, Hühner und Gänse aufs Feld, bewacht und beschützt diese untertags und bringt sie abends wieder vollzählig und selbständig in den heimatlichen Stall zurück. Andere Mudis bewähren sich als unentbehrliche Helfer von Rinder-, Pferde- und Schafhirten.

Außerhalb seiner Heimat ist dieser großartige Gebrauchshund noch wenig bekannt. In Deutschland beginnt der Mudi erst in den letzten Jahren, langsam Fuß zu fassen. Hier dürfte es momentan circa  35-40 Mudis geben, um die sich 3-4 Liebhaber-Züchter bemühen. Der erste Mudiwurf in Deutschland wurde 1981 eingetragen, die aktuelle Zuchtbuchnummer ist derzeit 51 – inclusive Importe. Einige Mudis gibt es in Holland,  einige in England. In Norwegen, Schweden und Finnland gibt es mehrere engagierte Züchter, neuerdings ebenso in den USA u. Canada.

Exterieur
Der Mudi ist ein knapp mittelgroßer, stehohriger, harmonisch proportionierter und muskulöser Herdengebrauchshund. Er erinnert im Aussehen an die süddeutschen, hauptsächlich in Baden-Württemberg gehaltenen, meist schwarzen, altdeutschen Schäferhunde. Die Rasse ist noch weitgehend unberührt von der Sporthundezucht, von daher noch sehr urwüchsig und robust.

Kopf und Extremitäten des Mudi sind kurz und glatt behaart, was seinen hübschen Kopf mit dem ausdrucksvollen Gesicht wirkungsvoll unterstreicht. Der restliche Körper ist mit mittellangem, mehr oder weniger stark gewelltem bis leicht gelocktem Haar bedeckt, welches etwas an das Fell von Wasserhunden erinnert und im deutschen Schäfer-Jargon als „Rollhaar“ bezeichnet würde.

Obwohl die Grundfarbe des Mudi ein glänzendes Schwarz ist, kommt er – selten - auch in anderen Farbvarietäten vor: blue-merle (ungarisch: cifra), aschfarben (blau), beige (ungarisch: fakó), aschbraun (isabellfarben), braun und weiß. Kleine weiße Abzeichen (Brustfleck, weiße Zehen) werden toleriert, obgleich sie nicht erwünscht sind.

Das Haarkleid des Mudi ist schmutzabweisend, sehr witterungsbeständig und pflegeleicht. Gelegentliches Kämmen oder Bürsten sind vollends ausreichend.

Wesen, Besonderheiten und Eignung
Hinter dem eher unscheinbaren Äußeren des Mudi verbirgt sich eine mit fantastischen Fähigkeiten ausgestattete Rasse – ein „Rohdiamant“, der in den richtigen Händen zum Juwel sprich Traumhund werden kann.

Wer dem Mudi gerecht werden will, muss sich stets vor Augen halten, dass dieser kleine Geselle ein Vollblut-Arbeitshund ist, ausgestattet mit lebhaftem Temperament und auffallend rascher Auffassungsgabe, lernbegierig und arbeitswillig. Reines Gassigehen alleine reicht oft nicht aus. Dieser Hund will gefordert und gefördert werden. D.h., wenn man den Mudi als Haus- und Begleithund halten will, muss man ihm, neben ausreichend Bewegung, auch geistige Beschäftigung bieten, z.B., indem man ihm eine Ausbildung in einem hundesportlichen Bereich angedeihen lässt und/oder sich kleine Aufgaben für ihn ausdenkt, die man ihn täglich ausführen lässt. Da er sehr gelehrig, aufgeweckt und verständig ist und über eine gehörige Portion „will to please“ verfügt, bereitet seine Erziehung fast nur Freude und wenig ernsthafte Probleme – vorausgesetzt, man behandelt ihn nicht grob oder ungerecht. Für eine harte, auf Drill und Druck basierende Ausbildung ist diese sensible Rasse nicht geeignet. Ihre Qualitäten kommen dann am besten zum Tragen, wenn man sie geduldig und einfühlsam erzieht und führt – am besten über Vertrauensbildung u. positive Bestärkung, aber dennoch mit der nötigen Konsequenz. Günstig für diesen energiegeladenen und arbeitsfreudigen Hund ist ein lebhaftes, viele Aktivitäten bietendes Umfeld, er will immer mit dabei sein. Bei ständiger starker Unterforderung kann er aggressiv oder apathisch und durchaus zum Problemhund werden – wie man das ja auch von anderen Herdengebrauchshunden her kennt.

Eine weitere typische Eigenschaft des Mudi ist, dass er eine extrem enge Bindung zu seinem Meister eingeht, seine Bezugsperson(en) wahrlich vergöttert. Er bleibt von sich aus dicht bei seinen Menschen, ist immer darauf bedacht, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Viele Mudis sind so anhänglich, dass sie ihren Menschen buchstäblich auf Schritt und Tritt folgen. Hinzu kommt, dass der Mudi im allgemeinen keinen Jagdtrieb hat, d.h. nicht streunt, jagt oder wildert, was Spaziergänge in Wald und Flur mit ihm sehr erleichtert. Zudem ist er außerordentlich reviertreu. Fremden gegenüber verhält er sich eher reserviert.

Bei ungarischen Hirten wird der Mudi wegen seines schneidigen Auftretens und seiner Wendigkeit zum Hüten und Treiben großer, wehrhafter Weidetiere wie Pferde und Rinder eingesetzt, aber auch an Schafen sowie gelegentlich zur Treibjagd auf Wildschweine. Das Hüten und Treiben ist ihm angeboren. Er ruht für keine Sekunde, wenn er an der Herde arbeitet. Obwohl er ein äußerst mutiger und draufgängerischer Hund ist, der keine Angst kennt und ausbrechende oder bockende Tiere fast ohne Kommando selbständig und zielgerichtet zur Herde zurück treibt, verletzt er die ihm Anbefohlenen bei der Arbeit nie. Höchste Intelligenz, Rasanz sowie Mut und schier unglaubliches Durchsetzungsvermögen sind die Attribute, mit denen er eine Herde in Schach hält. Anders als von unseren bodenständigen altdeutschen Schafhunden oder anderen Rindertreibhunden (Heelern) her bekannt, kneift oder greift der Mudi bei der Arbeit nicht mit dem Maul nach dem Vieh, sondern arbeitet mit „eying“ und ausgeprägtem Drohverhalten. Er schießt wie ein geölter Blitz von da nach dort und hält die Tiere mit rasanter Wendigkeit und kraft seiner überragenden psychischen Autorität in Schach.

Um die Intelligenz und den schier unglaublichen Schneid dieser körperlich relativ kleinen Hunde näher zu illustrieren, sei von einer Mudi-Hündin berichtet, die in Brandenburg lebt. Diese Hündin mit Namen Amanda arbeitet an schwierigen teils verhaltensgestörten Pferden. Sie kennt jedes einzelne Individuum und weiß um seine Macken. Eine Episode ist besonders bemerkenswert: Einmal brach eine Herde von 98 Jungrindern (Färsen) aus dem zwei Kilometer entfernten Nachbargut aus und schickte sich an, in den liebevoll gehegten Biogemüsegarten von Amandas Frauchen einzudringen. Vier erwachsene Personen und drei große Hunde des Pferdebetriebes waren nicht imstande, die Rinderherde zur Umkehr zu bewegen. Da griff Amanda, die das Schauspiel aus dem Lkw heraus, in den man sie zu ihrem eigenen Schutz rasch eingesperrt hatte, ein. Sie drückte sich durch den Fensterspalt heraus und übernahm das Kommando. Binnen weniger Minuten gelang es ihr, die komplette Herde in den Griff zu bekommen und geschlossen zur Umkehr zu bewegen. Sie trieb sie durch schwieriges Gelände zurück, dabei mussten sie z.B. einen Bach durchqueren, für Amanda kein Problem; ausbrechende Grüppchen mussten wieder schön brav zurück in die Herde. Wohlgemerkt: die mittlerweile vierjährige Hündin war damals gerade mal 18  Monate alt. Sie hatte nach diesem Abenteuer vor Begeisterung leuchtende Augen u. war sichtbar zufrieden!

Trotz seiner enormen Härte bei der Arbeit ist der Mudi sensibel und weich in der Ausbildung und Führung. Kindern pflegt er ein geduldiger, ausdauernder und stets fröhlicher Spielkamerad zu sein. Und auch mit Artgenossen und anderen Tieren des gleichen Haushalts verträgt er sich gut. Das gilt jedoch nicht immer für fremde Hunde, insbesondere solche, die wesentlich größer sind als er. Da die Rasse zur Zurückhaltung neigt, sind optimale Prägung und Sozialisation im Welpenalter sehr wichtig. Bei ausreichendem Auslauf und genügend Auslastung sind Mudis im Haus sehr brav und angenehm und lassen sich sogar in einer Stadtwohnung halten. Außer als liebenswürdige Haushunde haben sie sich als vorzügliche, unbestechliche Schutz- und Wachhunde sowie als Rauschgiftspürhunde und Rettungshunde bewährt. Selbstverständlich eignen sie sich ausgezeichnet für nahezu alle Hundesportarten, ob Agility oder Dogdancing

Da Mudis noch sehr urtümliche, unverdorbene und robuste Hunde sind, werden sie in der Regel sehr alt. 13 bis 15 Lebensjahre sind der Durchschnitt, aber viele Hunde werden noch wesentlich älter – und dies im allgemeinen bei guter Gesundheit bis ins hohe Alter.

Diese Rasse könnte ein Geheimtipp sein für Menschen, die einen nicht zu großen, gesunden und widerstandsfähigen, pflegeleichten Familienhund suchen, der neben angenehmen Begleithundeigenschaften noch vollwertige Gebrauchshundcharakteristika wie Wachsamkeit und Verteidigungsbereitschaft, hohe Intelligenz und Ausdauer aufweist und sich auf Grund seiner Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit für nahezu alle Aufgaben ausbilden und einsetzen lässt.

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